Geschichte des Jazz

 Geschichte des Jazz

1 STILMERKMALE

Eine allgemein gültige, d. h. von den Anfängen bis zu den heutigen Formen und für alle Stile und Musiker zutreffende Definition des Jazz ist nicht möglich. Dazu hat sich der Jazz im Lauf seiner fast hundertjährigen Geschichte zu sehr verändert, zu stark in verschiedene Stilrichtungen aufgespalten. Es gibt daher nur wenige Merkmale, die mit Einschränkungen als verbindend angesehen werden. Auch sie haben im Lauf der Entwicklung und bei verschiedenen Stilen und Musikern jeweils unterschiedliche Bedeutungen angenommen. Diese Charakteristika sind Improvisation, Swing sowie Tonbildung und Phrasierung. Typisch für den Jazz ist ferner, dass er meist von individuellen Spielweisen im Rahmen eines kollektiven Stils geprägt wird: Die Musik wird jeweils von einer Persönlichkeit entwickelt und auch gespielt, Komposition und Interpretation fallen zusammen. Jeder bedeutende Jazzmusiker ist nach wenigen Takten an seiner Spielweise und Art der Improvisation erkennbar, auch wenn er „typisch” für eine bestimmte Stilrichtung ist. In der Regel improvisiert der Jazzmusiker innerhalb der Konventionen, die durch die ausgeübte Stilrichtung vorgegeben sind. Die Improvisation wird normalerweise durch ein sich wiederholendes Akkordschema begleitet. Der Instrumentalist ahmt den Gesangsstil der schwarzen Musik nach, z. B. durch Glissandi und absichtlich unsauber intonierte Töne, Tonhöhenveränderungen wie den Blue notes (Töne auf der erniedrigten 7. und 3. Stufe der Durtonleiter und – seltener – auf der 5. Stufe der Molltonleiter, die für die gesamte Jazzmelodik und -harmonik charakteristisch sind) und Toneffekte wie Growls (instrumentale Nachahmungen der so genannten Dirty Tones, der „schmutzigen Töne”) und Wails. Um ein individuelles Klanggewebe zu erzielen (ein eigenständiges Verständnis von Rhythmus und Form und einen individuellen Aufführungsstil), spielt der Musiker einen Rhythmus, der durch das typische geringfügige Vor- und Nachverlagern der Töne, den Off Beat, gekennzeichnet ist. Er verleiht der Musik durch den typischen „Swing” eine federnde und entspannte Qualität. Partituren dienen nur als Richtlinien, die ein gewisses Grundgerüst für die Improvisation durch die Soloinstrumente vorgeben. Die Standardbesetzung einer Jazz-Combo umfasste anfangs, beim New-Orleans-Stil (um 1900 bis etwa 1930), Klavier, Tuba und Banjo als Rhythmusgruppe. Später wurden die Tuba durch einen Bass und das Banjo durch eine Gitarre ersetzt. Um 1920 kam das Schlagzeug hinzu. Kornett oder Trompete, Klarinette und Posaune bildeten die Melodiegruppe. In den Big Bands des Swing der dreißiger Jahre waren die Bläser in folgende Gruppen unterteilt: Saxophone, Posaunen und Trompeten. Die Jazzimprovisation bedient sich zahlreicher Stücke mit höchst unterschiedlichem formalem Aufbau. Zwei formale Muster erscheinen besonders häufig: Das erste ist die allgemeine Liedform AABA, die in der Regel aus 32 Takten (im Viervierteltakt) besteht, die in vier 8-taktige Abschnitte unterteilt sind. Die zweite vorherrschende Form, die tief in der afrikanischen Volksmusik verwurzelt ist, ist die 12-taktige Bluesform. Im Gegensatz zur 32-taktigen AABA-Form haben Bluessongs ein relativ feststehendes Akkordschema.

2 URSPRÜNGE

Der Jazz hat seine Ursprünge in der Mischung aus unterschiedlichen Musiktraditionen der als Sklaven nach Amerika deportieren Schwarzen. Wesentliche Elemente stammen aus der westafrikanischen Volksmusik, den Volksmusikformen der Schwarzen, die sich in den Kolonien auf amerikanischem Boden entwickelten, sowie der europäischen Volksmusik und Kunstmusik des 18. und 19. Jahrhunderts. Aus der afrikanischen Musiktradition flossen Gesangsstile ein, die dem Sänger einen großen Freiraum für stimmlichen Ausdruck ließen, sowie die Tradition der Improvisation, das Frage-und-Antwort-Schema (Call-and-Response) sowie die rhythmische Komplexität (Synkopierung der einzelnen Melodielinien und gegensätzliche Rhythmen, die von unterschiedlichen Instrumentalisten des Ensembles gespielt wurden). Andere prägende Formen aus der afroamerikanischen Musik waren Worksongs und andere rhythmische Arbeitslieder der Sklaven sowie Wiegenlieder und später die Spirituals (religiöse Gesänge) und der Blues (weltliche Tradition). Aus der europäischen Musik gelangten nicht nur bestimmte Stile und Formen in die Urformen des Jazz (Hymnen, Märsche, Tanz- und Volksmusik), sondern auch theoretische Elemente, besonders die Harmonie, sowohl als Reservoir an Akkorden als auch als Ordnungsprinzip, das bestimmte musikalische Formen bedingt. In der Anfangszeit des Jazz spielten die Musiker überwiegend ohne Noten. Um 1910 brach der Orchesterleiter W. C. Handy mit der bis dahin rein mündlichen Tradition des Blues und veröffentlichte seine ersten Bluessongs (seine Stücke waren bei Jazzmusikern besonders beliebt, und ihre vielleicht beste Interpretin fanden sie später in der Bluessängerin Bessie Smith, die in den zwanziger Jahren zahlreiche seiner Songs aufnahm). Er wird vielfach als "Vater des Blues" bezeichnet.

3 GESCHICHTE

In seinen Anfängen wurde der Jazz von kleinen Blaskapellen oder Solopianisten gespielt. Zum Repertoire gehörten neben Ragtime und Märschen Hymnen, Spirituals und Blues, die bei Picknicks, Hochzeiten, Paraden, Beerdigungen und sonstigen Veranstaltungen gespielt wurden. Normalerweise spielte man bei Beerdigungen auf dem Weg zum Friedhof Trauerlieder, auf dem Rückweg fröhliche Märsche. Blues und Ragtime waren unabhängig vom Jazz entstanden und existierten weiterhin neben dieser Gattung. Sie beeinflussten jedoch Stil und Formen des Jazz und lieferten ihm die Stilmittel für die Improvisation.

1 New-Orleans-Jazz

Ende des 19. Jahrhunderts verschmolzen die verschiedenartigen Einflüsse zum ersten vollausgebildeten Stil des Jazz, der nach dem Ort seiner Entstehung New-Orleans-Jazz genannt wurde. Hier trugen Kornett oder Trompete die Melodie, während die Klarinette reich verzierte Gegenmelodien und die Posaune rhythmische Slides spielte sowie die Grundtöne der Akkorde und Harmonien vorgab. Tuba oder Kontrabass legten unter diese Standard-Dreiergruppe eine Basslinie, das Schlagzeug steuerte den Rhythmus bei. Vitalität und Dynamik waren wichtiger als musikalische Feinheiten, und die Improvisation wurde von mehreren Stimmen des Ensembles durchgeführt (Gruppenimprovisation). Der legendäre Kornettist Buddy Bolden leitete einige der ersten Jazzbands, von denen jedoch nur wenige Aufzeichnungen erhalten sind. Erst im Jahr 1917 machte die erste Jazzband eine Musikaufnahme. Diese Jazzgruppe, die „Original Dixieland Jazz Band”, eine Gruppe aus weißen Musikern aus New Orleans, erregte in den USA und der ganzen Welt mit ihrer Musik Aufsehen. Ein neuer Stil war geboren: der Dixieland-Jazz der Weißen aus dem Süden der USA. Damit zeigte sich jedoch auch zum ersten Mal ein Vorgang, der später für die Geschichte des Jazz typisch werden sollte: Nachdem schwarze Musiker neue Stile entwickelt hatten, wurden sie von Weißen dem Geschmack eines breiteren Publikums angepasst und anschließend kommerziell verwertet. Nach dieser Gruppe wurden zwei weitere Bands berühmt: die „New Orleans Rhythm Kings” (1922) und die „Creole Jazz Band” (1923, unter der Leitung des stilbestimmenden Kornettisten King Oliver). Die Aufnahmen von King Oliver und seiner Band sind die bedeutendsten Beispiele im New-Orleans-Stil. Andere führende Musiker aus New Orleans waren die TrompeterBunk Johnson und Freddie Keppard, der Sopransaxophonist Sidney Bechet, der Schlagzeuger Warren „Baby” Dodds und der Pianist und Komponist Jelly Roll Morton. Zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Jazz sollte später jedoch King Olivers zweiter Trompeter Louis Armstrong werden.

2 Louis Armstrong und sein Einfluss

Der erste virtuose Solist des Jazz, der Trompeter und Sänger Louis Armstrong, war ein atemberaubender Improvisator, sowohl in technischer als auch in emotionaler und intellektueller Hinsicht. Er veränderte das Bild des Jazz entscheidend, indem er den Solisten in den Mittelpunkt rückte. Seine Bands, die „Hot Five” und die „Hot Seven”, demonstrierten, dass die Jazzimprovisation weit über die einfache Ausschmückung der Melodie hinausgehen konnte (Armstrong schuf auf Basis der Akkorde der ursprünglichen Melodie neue Melodien). Er setzte den Maßstab für alle späteren Jazzsänger, nicht nur durch die Art, in der er Liedtexte und Melodien abwandelte, sondern auch durch den so genannten Scat-Gesang (das Singen von improvisierten Silben und Lauten, oft als rhythmische und ausdrucksmäßige Nachahmung eines Instruments).

3 Chicago und New York City

Die zwanziger Jahre bedeuteten für den Jazz eine Zeit der Experimente und Entdeckungen. In dieser Periode der wachsenden Industrialisierung wanderten mit den Schwarzen aus den ländlichen Bezirken des Südens zahlreiche New-Orleans-Musiker nach Chicago, wo sie die dortige Musik prägten und zur Entwicklung des (weißen) Chicago-Stils beitrugen. Bei diesem Stil, der seine Wurzeln im New-Orleans-Jazz hat, stand der Solomusiker im Vordergrund; die Besetzung wurde meist durch ein Saxophon ergänzt, und man spielte in der Regel spannungsreichere Rhythmen und kompliziertere Klangstrukturen. Zu den wichtigsten Musikern in Chicago gehörten der Posaunist Jack Teagarden, der Banjospieler Eddie Condon, der Schlagzeuger Gene Krupa und der Klarinettist Benny Goodman. Ebenfalls in Chicago wirkte der deutschstämmige Trompeter Bix Beiderbecke, dessen lyrische Ader beim Spielen des Kornetts Armstrongs Trompetenstil kontrastierte. Viele Chicagoer Musiker zog es schließlich nach New York City, das in den zwanziger Jahren ein weiteres bedeutendes Zentrum des Jazz war.

4 Swing

Ebenfalls in den zwanziger Jahren taten sich große Gruppen von Jazzmusikern nach dem Modell der Gesellschaftstanzorchester zusammen, woraus die so genannten Big Bands entstanden. Sie leiteten das Zeitalter des Swing ein und erlebten ihre Blütezeit in den dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre. Der Swing errang als erster Jazzstil weltweit große kommerzielle Erfolge (wenn auch zunächst fast ausschließlich als weißer Stil) und machte den Jazz „gesellschaftsfähig”. Im Swing rückten die afrikanischen Elemente des Jazz weiter in den Hintergrund. Eine der wichtigsten Neuerungen hierbei war ein rhythmischer Wandel: Der Zweier-Rhythmus des New-Orleans-Jazz wurde geglättet und zu einem fließenderen Vierer-Rhythmus geformt, bei dem alle vier Taktschläge gleichmäßig betont wurden. Außerdem bürgerten sich kurze melodische Muster, die so genannten Riffs, ein, die im Call-and-Response-Schema gespielt wurden. Dazu teilte man das Orchester in Instrumentalgruppen auf, von denen jede ein eigenes Riff spielte und den einzelnen Musikern breiten Spielraum für ausgedehnte Soli ließ. Die Entwicklung der Big Band als Jazzorchester war größtenteils ein Verdienst von Duke Ellington und Fletcher Henderson. Henderson und sein Arrangeur Don Redman führten geschriebene Partituren in der Jazzmusik ein, versuchten aber gleichzeitig, die lebendige Ausstrahlung der Improvisation zu bewahren, welche die Musik kleinerer Ensembles kennzeichnete. Diese Lebendigkeit blieb nicht zuletzt durch so begabte Solisten wie den Tenorsaxophonisten Coleman Hawkins erhalten. Duke Ellington leitete seit den zwanziger Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1974 ein eigenes Orchester. Er komponierte sehr unterschiedliche Stücke mit einer Dauer zwischen drei Minuten (z. B. Koko, 1940, sowie Solitude oder Sophisticated Lady) bis zu einer Stunde (Black, Brown, and Beige, 1943). Ellingtons Musik war komplexer als die Hendersons, und sie fügte das Orchester zu einem geschlossenen Ensemble zusammen. Andere Orchester in der Tradition von Ellington und Henderson wurden vonJimmie Lunceford, Chick Webb und Cab Calloway geleitet. In Kansas City entwickelte sich Mitte der dreißiger Jahre mit dem Orchester von Count Basie eine eigene Variante des Big-Band-Jazz. Dieses Orchester spiegelte die im Südwesten bevorzugte Betonung der Improvisation wider, bei der die geschriebenen Partien relativ kurz und einfach gehalten waren. Die Bläser seines Orchesters tauschten die Riffs in einer freien, stark rhythmusbetonten Interaktion miteinander aus, wobei genügend Pausen für die ausgedehnten Instrumentalsoli blieben. Besonders Count Basies Tenorsaxophonist Lester Young spielte mit einer bis dahin kaum gekannten rhythmischen Freiheit. Sein feinfühliger Stil und seine langen, fließenden Melodien, aufgelockert durch gelegentliches Hupen oder Glucksen, öffneten dem Jazz eine neue Dimension, ähnlich wie es Armstrong mit seinem Stil in den zwanziger Jahren getan hatte. Weitere stilbestimmende Musiker der ausgehenden dreißiger und beginnenden vierziger Jahre waren der Trompeter Roy Eldridge, der E-Gitarrist Charlie Christian, der Schlagzeuger Gene Krupa und der Vibraphonist Lionel Hampton, die alle mit Benny Goodman zeitweilig zusammenspielten. Jazzgesang gewann zu dieser Zeit an Bedeutung. Berühmte Jazzinterpretinnen waren Ivie Anderson, Mildred Bailey, Ella Fitzgerald und vor allem Billie Holiday.

5 Bebop 

Vierziger Jahre und Nachkriegszeit Der herausragende Jazzmusiker der vierziger Jahre war Charlie Parker, der Wegbereiter eines neuen Stils, des Bebop (auch Rebop oder Bop). Wie Lester Young, Charlie Christian und andere exzellente Solisten hatte Parker lange Zeit in Big Bands gespielt. Während des 2. Weltkrieges jedoch litten viele Bands unter den schlechten wirtschaftlichen Bedingungen. Dies und der Wandel im Publikumsgeschmack trieben viele Orchester in den Ruin. Der Niedergang der großen Bands und der Aufstieg des Bebop, eines radikal neuen Stils, als Reaktion auf den kommerzialisierten Swing kam einer Revolution in der Welt des Jazz gleich. Bebop wurzelte zwar noch im Prinzip der Improvisation über ein Akkordschema, charakteristisch für diesen Stil waren jedoch sehr schnelle Läufe, hektische Melodiesprünge und komplizierte Harmonien. Der Bebop war zunächst eine „Musik für Musiker”, d. h., die Künstler bemühten sich nicht, dem Geschmack eines breiten Publikums gerecht zu werden. Treibende Kraft dieser Bewegung war Charlie Parker, der auf dem Saxophon jede nur vorstellbare Melodie in beliebiger Geschwindigkeit und Tonart spielen konnte. Seine wunderschönen Melodien verwoben sich auf nie dagewesene Weise mit den zugrunde liegenden Akkorden, seine Musik besaß eine schier endlose rhythmische Vielfalt. Häufige Zusammenarbeit verband Parker mit dem Trompeter Dizzy Gillespie, der für seine unglaubliche Virtuosität, die Bandbreite seines emotionalen Ausdrucks und seine kühnen Harmonien berühmt war, sowie mit dem PianistenEarl „Bud” Powell und dem Schlagzeuger Max Roach. Weitere führende Persönlichkeiten des Bebop waren der Pianist und Komponist Thelonious Monk und der Trompeter Fats Navarro. In den Kreisen der Bop-Musiker, vor allem um Gillespie und Parker, bewegte sich auch die Jazzsängerin Sarah Vaughan. Ende der vierziger Jahre erlebte der Jazz eine wahre Explosion an Experimenten. Modernisierte Big Bands unter Gillespie und Stan Kenton existierten neben kleinen Gruppen innovativer Musiker, wie dem Pianisten Lennie Tristano. Diese kleinen Ensembles schöpften auch intensiv aus den Werken zeitgenössischer Komponisten wie Béla Bartók und Igor Strawinsky. Eines der bahnbrechendsten Experimente mit klassisch inspiriertem Jazz waren die Aufnahmen, die 1949/50 von einer ungewöhnlichen neunköpfigen Gruppe um einen Protegé von Charlie Parker, den jungen Trompeter Miles Davis, gemacht wurden. Die von Davis und anderen geschriebenen Arrangements begründeten den neuen Stil des Cool Jazz. Diese Musik war zugleich weich und äußerst komplex. Entspannte Melodiebögen wurden von sparsam eingesetzter Schlagzeugbegleitung akzentuiert, man spielte mit wenig Vibrato und verhaltener, kühler Tongebung. Zahlreiche Ensembles übernahmen den Cool Jazz. Das Interesse daran verlagerte sich in den fünfziger Jahren vorübergehend an die amerikanische Westküste, so dass dort vom West Coast Jazz gesprochen wurde. Durch den Saxophonisten Stan Getz, Vorbild zahlreicher Cool-Saxophonisten, verstärkte sich der Einfluss südamerikanischer Musik auf den Cool Jazz. Auch der Tenorsaxophonist Zoot Sims und der Baritonsaxophonist Gerry Mulligan prägten diesen Stil und trugen zu seiner großen Popularität in den fünfziger Jahren bei. Weitere herausragende Musiker dieser Zeit waren Dave Brubeck (ein Schüler Darius Milhauds) und der Altsaxophonist Paul Desmond. Die Mehrzahl der Musiker, besonders an der Ostküste der USA, entwickelte jedoch den „heißeren”, treibenderen Stil des Bebop weiter. Hauptvertreter dieser Hard Bop genannten Richtung waren der Trompeter Clifford Brown, der Schlagzeuger Art Blakey und der Tenorsaxophonist Sonny Rollins, dessen einzigartiger Stil ihn als eines der großartigsten Talente seiner Generation auswies. Ein weiterer Ableger von Parkers Stil war der Soul Jazz, den der Pianist Horace Silver, der Altsaxophonist Cannonball Adderley und dessen Bruder, der Kornettist Nat Adderley, verkörperten.

6 Miles Davis in der Ära des COOL JAZZ und des HARDBOP

Nachdem Ende der vierziger Jahre die Anziehungskraft der New Yorker Clubs in der 52sten Straße schwand und das Publikum das Interesse an ausgedehnten Improvisationen verloren hatte, suchte Davis nach neuen musikalischen Wegen. Einen wichtigen Einschnitt markiert das Zusammentreffen mit dem Arrangeur Gil Evans, den er 1947 über eine Auftragsarbeit für Claude Thornhill kennen lernte und dessen Vorstellungen vom Orchesterklang er teilte. Ende August 1948 stellten sie ein Nonett für ein Gastspiel im Royal Roost (Pre-Birth Of The Cool, 1948) zusammen, das die melodischen Ideen des Bebops verlangsamt und ausarrangiert in ungewohntem Klanggewand präsentierte. Capitol beschloss, daraus eine Studioplatte zu machen, und so nahmen Evans und Davis zwischen Januar 1949 und März 1950 Birth Of The Cool auf, ein Album, das der Musik der folgenden fünf Jahre den Namen Cool Jazz und die stilistische Richtung pointierter Reduktion der Ausdruckskraft gab. Es wurde außerdem der Beginn einer langen musikalischen Freundschaft, die zahlreiche Meilensteine des orchestralen Jazz wie Miles Ahead (1957), Porgy & Bess (1958), Sketches Of Spain, (1960) und Quiet Nights (1962/63) hervorbrachte. Davis avancierte zu einem Star der neuen Jazzgeneration. Er wurde 1949 auf dem Festival in Paris gefeiert, spielte in den folgenden Jahren mit zahlreichen Berühmtheiten und Gleichgesinnten wie Sarah Vaughan, Sonny Rollins, Art Blakey, Charles Mingus, Thelonious Monk und Horace Silver. Wie viele Jazzmusiker seiner Generation hatte er Drogenprobleme und verlor daher vorübergehend an Popularität, ehe er Mitte der fünfziger Jahre zu alter Schaffenskraft zurückfand. Nach dem Tod Charlie Parkers im März 1955 und dem Ende der Ära des frühen Bebops gelang Davis mit seinem sensationellen Auftritt beim Newport Festival ein eindrucksvolles Comeback. Sein neues Quintett mit dem Saxophonisten John Coltrane, dem Pianisten Red Garland, dem Bassisten Paul Chambers und dem Schlagzeuger Philly Joe Jones entwickelte sich zur führenden Formation des so genannten Hardbop, der die Cool-Improvisationen und die Intensität des Bebops mit afrikanisch polymetrischen Einflüssen und erweiterten harmonischen Systemen zusammenbrachte, wie auf den Alben Workin’, Relaxin’, Steamin’ und Cookin’ With The Miles Davis Quintet (alle 1956) zu hören ist. In dieser Phase seiner Laufbahn entwickelte er ein gesteigertes Bedürfnis nach musikalischer Erneuerung. Die harmonischen Experimente von Kollegen wie John Coltrane oder Ornette Coleman beflügelten auch Miles Davis, sich mit modifizierten Ausdrucksformen auseinander zu setzen. Nachdem er 1957 für Louis Malles Nouvelle Vague-Film Ascenseur pour l’échafaud (1957; Fahrstuhl zum Schafott) den unterkühlten „Soundtrack des Existentialismus” geschaffen hatte, wandte er sich zunehmend dem so genannten modalen Spiel zu, das sich nicht mehr auf die gängigen harmonischen Zusammenhänge stützt, sondern auf das Tonleitersystem des Mittelalters. Durch die ungewohnte Intervallgliederung erhielt die Musik neue, reizvolle Färbungen. Im Frühjahr 1959 nahm diese grundlegende Neuerung der Klanggrundlagen mit Kind Of Blue Gestalt an – ein Album, das bis heute vielfach als das beste Jazzalbum aller Zeiten gewertet wird.

Der JAZZROCK

Nach der ruhigen Phase der Modalität und den orchestralen Experimenten mit Gil Evans orientierte sich Davis zu Beginn der sechziger Jahre ein weiteres Mal neu. Er gründete 1963 sein neues Quintett mit Herbie Hancock (Piano), George Coleman (1963, Saxophon) bzw. Wayne Shorter (1964, Saxophon), Ron Carter (Bass) und dem jungen Tony Williams (Schlagzeug), das mit Seven Steps To Heaven (1963), E.S.P. (1965), Miles Smiles (1966) oder auch Nefertiti (1967) erfolgreiche Standardplatten des Modern Jazz einspielte und durch die Welt tourte. Der ästhetische Schock des Free Jazz, die steigende Popularität schwarzer Stilistiken wie Funk und Soul, aber auch die archaische Kraft der Rockmusik faszinierten Davis in den späten Sechzigern und veranlassten ihn, die Verbindung der verschiedenen Entwicklungslinien zu versuchen. So entstanden 1969 die beiden Alben In A Silent Way und Bitches Brew, die als erste Jazzrockaufnahmen die stilistische Richtung der folgenden Monate bestimmten. Davis avancierte zum Popstar der Hippiegeneration, spielte auf Festivals wie auf der „Isle Of Wight” (1970) und produzierte zahlreiche Platten in unterschiedlichen Besetzungen, die das Idiom des elektrifizierten Jazz erweiterten wie Live-Evil (1970), Big Fun (1970) und On The Corner (1972). Durch anhaltenden Drogenkonsum gesundheitlich angeschlagen, zog er sich jedoch Ende 1974 von der Bühne zurück und verzichtete bis Anfang 1980 vollkommen auf das Trompetenspiel. Erst auf Initiative zahlreicher Freunde kehrte Davis wieder auf die Bühne und ins Studio zurück und schaffte mit The Man With The Horn (1981) und We Want Miles (1981/82) ein erfolgreiches Comeback an der Seite von jungen Kollegen wie Marcus Miller, Mike Stern, Al Foster und dem Saxophonisten Bill Evans. Wieder hatte sich sein Stil verändert und perfektionierte die früher bereits angedeutete Reduktion der Töne in pointiert gesetzte Einzelnoten, die er zumeist in funkig angejazztem Rahmen positionierte. Das letzte Lebensjahrzehnt verbrachte er als umworbener Superstar des Jazz mit ausgedehnten Tourneen, clever arrangierten Alben wie You’re Under Arrest (1985), Tutu (1986), Amandla (1989) oder Doo-Bop (1991). Wenige Wochen nach seinem umjubelten Auftritt beim Jazzfestival von Montreux im Juli 1991, das ihn noch einmal unter der Leitung von Quincy Jones mit großem Orchester und Liedern aus der Gil-Evans-Epoche präsentierte, starb Miles Davis überraschend am 28. September 1991 in Santa Monica (Kalifornien).